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GLEIMHAUS Museum der deutschen Aufklärung Gleimbibliothek [G 45]

Der Grenadier an die Kriegesmuse nach dem Siege bey Zorndorf den 25 August 1758.

Der Grenadier an die Kriegesmuse nach dem Siege bey Zorndorf den 25 August 1758. (Gleimhaus Halberstadt CC BY-NC-SA)
Provenance/Rights: Gleimhaus Halberstadt (CC BY-NC-SA)

Description

Der Krieg hatte sich in seinem dritten Jahr radikalisiert, die Lage für Preußen war schwieriger geworden. Auch Gleims Dichtung hat sich gewandelt. Das Versmaß des Zorndorf-Liedes ist getragener als früher, die Sprache noch archaisierender, der Stil gehoben. Das Lied hat sich zu einer Verserzählung ausgewachsen, das Naive und das Ereignishafte sind geschwunden. Die Motive sind existenzieller als zuvor. Das Lied auf die Schlacht bei Zorndorf richtet sich, wie bereits der Titel besagt, an die Kriegsmuse. Mithin redet der Grenadier die Personifikation des Krieges an, der nun als Unglück der Menschheit wahrgenommen wird.
Gleim gestaltete das Barbaren-Motiv in Bezug auf die Armee Russlands und verlor dabei seine bisherige humanitäre Gesinnung gegenüber dem Feind. Die Russen werden als ein Volk bezeichnet, "das noch zu Menschen nicht geworden ist, […] Heißhungriger als ein Heuschrecken Heer, / Mit trägem aber giftgem Scheckengang". Es waren wohl vor allem solche Entgleisungen, die Lessing Gleim vorwarf (#) und die teilweise auf dessen Empfehlung zurückgenommen wurden.
Die Zorndorf-Dichtung entstand, nachdem die Ausgabe von Lessings Edition der Kriegslieder erschienen war, wurde in entsprechender Ausstattung gedruckt und findet sich oft angebunden. Sie war das letzte Grenadierslied aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges.

Was siehest du so schüchtern nach mir her?
Scheut eine Kriegesmuse, die den Held
So tief in seine Schlacht begleitete,
Mit ihm auf Leichen unerschrocken gieng,
Wie Engel Gottes in Gewittern gehn,
Ihn einzuholen, wo er war, zu seyn,
Zu forschen seine Thaten überall,
Von Leich auf Leiche grosse Schritte that;
Scheut eine solche Muse Blut zu sehn?

Stimm an, verewige den grossen Tag,
An welchem Vater Friederich sein Volk
Errettete, durch göttlichen Gesang!
Nimm die verwayste Leyer von der Wand,
Und mische starken Kriegeston darein,
Und singe! Held, Soldat und Patriot,
Steh um dich her und höre, lauter Ohr!
Bewundernd Gottes Thaten, Friedrichs Mut,
Wenn er sein Vaterland zu retten geht,
Und lerne Gott und Friederich vertraun.

Denn standest du, Berlin! nicht halb verzagt,
Als der gekrönte Rächer nur verzog,
Und Mähren uns, langsame Sieger, sah?

Vor deinen Angen, Überwinder Daun! -
Wie? oder hörst du lieber andrer Fabius
Dich nennen? - lagen wir unangezwackt
Sechs Wochen lang; und, alle Tausende,
Die du beliebetest, durch einen Strich
Im Buche deiner Thaten, in das Reich
Der Schatten zu versetzen, lebten hoch
Und liessen deiner schönen Kayserin
Tockayer, nach der Krieges Arbeit, sich
Gutschmecken, tranken auf des Helden Wohl,
Der Friederich ist, nicht Hannibal, ein Glas;
Und rühretest du dich in deinem Nest,
So jagte dich der tapfere Husar,
In deine hochverschanzte Felsenburg,
Auf welcher du, mit deinem Vetter Daun,
Ein Graf wie du, der deine Thaten thut,
Betrachtend uns, und deinen Hannibal,
Oft standest, dachtest, nie ersahest, wie
Von dir ein Streich ihm zu versetzen sey.

Du aber, guter alter Marschall! warst
In deinem Troja, Hektor, Friedrich selbst
Gab deinem Namen Ewigkeit, und schrieb
Ein andrer Cäsar, deine Thaten an!
Doch er und Keith und Moritz waren mehr
Als Agamemnon, Nestor und Ulyß,
Und hätten, ohn ein ungeheures Pferd,
Durch Mut dich überwunden, nicht durch List,
Wofern nicht Gott der Herr gewollt, daß wir
Ablassen sollten. -

Hochgelobet sey,
Von uns und deinem Friederich, o Gott!
Daß du auf unsern ebnen Siegesweg
Ein Ollmütz stelletest und einen Held,
Der wie ein braver Mann sich wehrete,
In seine hohen Wäll’ und Mauren gabst!
Denn gabst du es in unsre Hand, so war
Kein Weg vor uns, als nach dem stolzen Wien,
So hätten wir uns allzuweit entfernt
Von unserm Vaterlande, dessen Schutz
Wir sind, nach dir, o Gott! So wäre wohl
Das Ach und Weh, der Jammer, das Geschrey
Der Weiber und der Kinder, welche wir
Zurück gelassen hatten, allzu spät
Uns nach erschollen. Friedrich hätte wohl
Des Vaterlandes Ruf um Rache nicht
Zu rechter Zeit und Stunde da gehört,
Wo umzukehren war! Darum, o Gott!
Sey ewig hochgelobt von uns und Ihm,
Dem Züchtiger der Bosheit eines Volks,
Das noch zu Menschen nicht geworden ist,
Dich noch nicht kennt, daher gezogen kam,
Heißhungriger als ein Heuschrecken Heer,
Mit trägem aber giftgem Schneckengang
In sein, o Gott! von dir gesegnet Land,
Um eine Lebenlose Wüsteney
Ein Land des Fluches, eine Steppe, gleich
Den Steppen seiner Kayserin daraus
Zu machen. Langsam zog es so daher,
Wie durch fruchtbares Feld in Africa
Giftvoller grosser Schlangen Heere ziehn;
Da steht auf beyden Seiten ihres Zugs
Erstorbnes Gras, da steht, so weit umher
Als ihre Bäuche kriechen, alles todt.
Von Memel bis Cüstrin stand Friedrichs Land
So da, verwüstet, öde, traurig, todt.

Allein der Held vernahm zu rechter Zeit
In seinem Haus von Leinwand, auf der Bahn
Des Sieges, deinen bangen schwachen Ruf,
O Vaterland, zu Gott, und ihm! Und stracks
War sein Gedank’ allein an dich! Er gab
Dem grössern Feind ein wenig Luft, und flog
Mit einem kleinen edlem Heldenheer
Dahin, wo sein gequältes banges Volk
Nach ihm sich umsah; betete für ihn,
Und schwur geheim, in mancher Todesangst,
Blieb ihm auch armes mattes Leben nur,
Trotz aller Feindes Wuth, getreu zu seyn
Dir, Gott! und deinem Liebling, welchem du
Zuwieder aller Welt, mit deiner Macht
Recht schaffest, Sieg verleyhst. Da flog er hin!
Kam an in dir, du Sitz der Musen; wo
Baumgarten Friedrichs Weisheit lehrt! hielt still
Vor einer niedern Hütte, saß das Roß,
Das, einen solchen Held zu tragen, stolz,
Nicht müde von dem langen Fluge war,
Daselbst ein wenig auszuruhen, ab,
Ging in die ofne niedre Hütte, fand
Ein’ arme fromme Wittwe, die zu Gott
Für den Gesalbten eben betete,
Saß neben ihr auf einem harten Sitz,
Nahm einem Wassertrunk aus ihrer Hand,
Stand vor der kleinen Thür der Hütte, ließ
Sein edles Heldenheer vorüber ziehn,
Stieg auf, folgt ihm den Weg der Rache nach,
Sah die Ruinen der getreuen Stadt
In welcher er, ein künftger König, einst
Der Weisheit in die Arme fiel, und sich
Entschloß zu seyn, ein Vater seines Volks,
Zu tragen stets in königlicher Brust
Ein sanftes, menschlichs Herz! Damals als er
Der Freundschaft Thränen zollte! Kam
In ihrem Aschenhaufen an! O Gott!
Wie jammert es dem Vater seines Volks
Die Stadt nicht mehr zu sehn! Zum andernmal
Weint er in ihr, anitzt - - Ein König weint?
Gib ihn die Herrschaft über dich, o Welt,
Die weil er weinen kann! - Jedoch der Bach
Der Heldenaugen floß zu lange nicht,
Der Thränen Stelle nahm ein glühend Roth
Im feurigen Gesicht; gerechter Zorn
Entstand aus Königlichem Mitleid stracks.
Er wandte sich zu seinen Helden, schwur
Sein rächend Schwerd zu zücken und mit Gott
Zu züchtigen die Henker seines Volks!

Für jede Thräne, sprach er, fliesse mir,
Ein Strom von ihrem Blut, und, ehe sey,
Du, meines Zornes Flamme, nicht gelöscht!

Er stand, als er es schwur, noch auf dem Wall
Der unbezwungnen Veste, sahe starr
Mit Heldenaugen, fähig durch zu sehn,
Was Götteraugen sonst nur sichtbar ist,
Nach dir, du Lager der Barbaren, hin,
Ein Fernglas in der Hand, sah, wie er dich
Vertilgen könnte, sah es, stieg herab.

Und Tages drauf, mit Sonnenaufgang ging
Sein Heldenheer still über deinen Strom
Du Oder! Flossest du so sanft, weil Gott
Es dir gebot, die Helden, die du trugst,
Nicht aufzuhalten itzt auf ihrer Bahn?
Sie sangen deinem Gott ein Morgenlied
Und kamen wohl behalten über dich!

Was zittertet ihr achtzig Tausend, da?
Beim Anblick unserer von Todesschaur?
Welch eine tiefe Stille ward? Was war
Das leisere Gemurmel unter euch?
Ja, ja der Schrecken Gottes überfiel
Dich, Heer der schrecklichen Verwüster, schnell!

Als du den grossen Rächer kommen sahst,
Die Blutfahn in der Hand, die er noch nie
Dem edlern Kriegesfeind entgegen trug,
Da standest du betäubt, erstarret, stumm,
Die Augen weggewandt von dem, der kam,
Wie unter Wetterwolken Sünder stehn,
Die Gottes Donnerstrahl auf ihrem Haupt
Erwarten. Bangigkeit und Furcht und Angst
Fiel, plötzlicher als eine Centner Last,
In aller deiner grossen Helden Brust,
Ward grösser stets, je mehr Er näher kam!

Zusammensteckend ihre Köpfe stand
Ihr grosser Haufe; Fermor schüttelte
Sein graues Haupt dreymal; sie zitterten;
Zuletzt war ihr verzweiflender Entschluß,
Ein großes Viereck und der Tod. Nur du,
Grausamer, der den Wall, anstatt der Stadt,
Verschonete, vergnügt sie brennen sah,
Auflachete, wenn Ach und Weh zugleich
Mit ihren Flammen zu den Wolken stieg,
Wenn schwarzer Dampf sie zu ersticken schien,
Unmenschlich neue Höllenflammen schuf,
Warfst deine Zündefackel aus der Hand,
Entflohest auf dein Roß geschwungen; warst
Dem Tod entronnen. Aber, Herzensangst
Saß mit auf deinem Roß, und floh mit dir
Weg aus der Schlacht. Nun träumst du Höll und Tod.
Und alle Flammen, welche dir zur Lust,
Der Menschen Wohnungen verzehreten,
Siehst du zusammenschlagen über dir.
Dein ganzes Leben sei ein solcher Traum!
Die Menschheit sehe sich dadurch gerächt,
Weit mehr als durch des Schwerdtes schnellen Tod
Den es Besiegten oft barmherzig schenkt.

Callmucken und Cosaken freß es schnell!
Quaalvolles langes Leben aber sey
Das Loos der Häupter über sie, die sie
Wie Tigerthier auf Menschen hetzen, Furcht
Voraus zu senden über Stadt und Land
Wohin der Krieger seine Waffen trägt!
Nicht deines, Heldin, die sich auf den Thron
Des grossen Vaters, ohne Schwerdtes Schlag,
Zu setzen wußte; lauter Gnad und Huld
Wohin sie sieht, ausbreitet um sich her;
Von Menschenmartern, Qual und Pein und Tod
Stets ihre Majestät wegwendet; Blut
Nicht sehen will, um ihren Thron nicht sieht:
Denn du gabst nicht den schrecklichen Befehl:
Die Wütriche, die Henker deines Reichs,
Die noch zu Menschen nicht geworden sind,
Callmucken und Cosaken sollten ziehn,
In Menschenland, zu wüten wider sie,
Zu sein die Teufel deines Kriegesheers!

Jedoch, sie haben ihre Strafe hin!
Des Rächers Schwerdt fraß sie wie dürres Graß,
Bey Tausenden, die Hölle nahm sie auf!

So lange du, o Vater, vor uns her
Die schreckliche Blutfahne trugst, und nichts
In deiner Arbeit für das Vaterland
Dein Leben achtetest, so lange floß
Für jede Thräne deines Volkes Blut,
So lange schlug das rächerische Schwerd
Nicht deinen sondern aller Menschheit Feind,
Und mähete die ungeheure Brut
Unmenschen weg, aus deines Gottes Welt.

Der Engel der bey Lissa seinen Glanz,
Um den Gesalbten glänzte, war auch itzt
Sein Schutzgeist. Näher sah ich ihn, als dort,
Er trug im schönen Engelangesicht
Des grossen Friedrich Wilhelms Miene ganz.

Aus einem Strome schwarzen Mörderbluts
Trat ich mit scheuem Fuß auf einen Berg
Von Leichen, sahe weit um mich herum
Nun keinen zu erschlagen mehr, stand hoch
Mit hohem Hals, warf einen scharfen Blick
Durch Wolkengleichen schwarzen Dampf der Schlacht
Nach dem Gesalbten, heftete auf ihn,
Und den Gesandten Gottes, seinen Schutz,
Die Augen und Gedanken fest. Und da,
Da war es, Muse, (denn du warest nicht,
Wo nur erschlagen nicht besieget ward)
Als mich ein Mörder traf, als fast zugleich
Der edle Dankelmann, der junge Held
Und Patriot, hinsank, den schönen Tod
Fürs Vaterland, nicht unwillkommen, starb,
Ich aber ihn zu sterben noch nicht reif,
Mit dieser Wunde weg getragen ward.

Sing es, o Muse, singe Gottes Zorn,
Und Friedrichs Muth. Indessen heilet sie
Geschwinder. Dein Gesang besänftige
Den Höllenschmerz, er mache daß der Arm
Der hier gebunden müßig liegen muß,
Bald wieder frey sey, für das Vaterland
Zu streiten. Deines edlen Freundes Tod
Rächt er an den Barbaren auch noch gern,
Wenn nur das Schwert nicht alle weggerafft.

Soll aber er nicht wieder streiten, soll
Ich nicht den Friedensengel kommen sehn,
Nicht im Triumph den unbesiegten Held
Begleiten nach Berlin, nicht der Homer
Des göttlichen Achilles werden: Dann,
Dann, liebe Muse, weine nur um mich
Ein kleines Lied, dann lebe wohl, o Welt!
In welcher wider einen Friederich
Der Erden Könige verschworen sind.

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Das Gleimhaus ist eines der ältesten deutschen Literaturmuseen, eingerichtet im Jahr 1862 im ehemaligen Wohnhaus des Dichters und Sammlers Johann ...

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